{"id":8,"date":"2023-03-19T15:09:25","date_gmt":"2023-03-19T15:09:25","guid":{"rendered":"http:\/\/tiamatix.net\/kblog\/?p=8"},"modified":"2023-03-19T15:09:25","modified_gmt":"2023-03-19T15:09:25","slug":"entscheidungs-psychologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tiamatix.net\/kblog\/index.php\/2023\/03\/19\/entscheidungs-psychologie\/","title":{"rendered":"Entscheidungs-Psychologie"},"content":{"rendered":"\n<p>An einem verregneten Wochenende habe ich ein paar alte B\u00fccher rekapituliert und bin \u00fcber dieses spannende Thema gestolpert.<\/p>\n\n\n\n<p>In Rahmen eines Experiments wurden zwei Gruppen von Versuchspersonen verschiedenen Gedankenexperimenten unterzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Gruppe sollte sich in einem dieser Experimente vorstellen, dass sie Theaterkarten f\u00fcr 60 Euro gekauft h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend der Vorstellung stellten sie jedoch an der Kasse fest, dass sie die Karten zu Hause vergessen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber noch Karten an der Abendkasse zu kaufen \u2013 zum Preis von ebenfalls 60 Euro.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage war: bezahlen sie die Theaterkarten erneut oder gehen sie nach Hause?<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Gruppe sollte sich hingegen vorstellen, dass sie Theaterkarten f\u00fcr 60 Euro reserviert h\u00e4tten und diese an der Abendkasse mit Bargeld bezahlen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher holen sie sich einen gr\u00f6\u00dferen Betrag Bargeld, z.\u00a0B. 200 Euro, von der Bank, um damit die Karten zu zahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend der Vorstellung stellten sie jedoch an der Kasse fest, dass ihnen von dem Bargeld 60 Euro gestohlen worden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch reichte der Restbetrag in ihrem Geldbeutel noch zum Bezahlen der Karten aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage war auch hier: kaufen sie die Theaterkarten oder gehen sie nach Hause?<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr k\u00f6nnt Euch ja die beiden Szenarien selbst vorstellen und \u00fcberlegen, wie Ihr Euch entschieden h\u00e4ttet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Experiment zeigte, dass der weit \u00fcberwiegende Teil der ersten Gruppe sich entschied, nach Hause zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfteil der zweiten Gruppe hingegen bezahlte die Karten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war der Verlust in beiden F\u00e4llen genau gleich: 60 Euro.<\/p>\n\n\n\n<p>Offenbar gibt es also einen \u201egef\u00fchlten\u201c Unterschied zwischen Bargeld und Sachleistungen und\/oder Gewinn oder Verlust desselben. Der Verlust von Theaterkarten, einer Sachleistung also, wird als dramatischer empfunden als der des ideellen Guts \u201eGeld\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders ausgedr\u00fcckt: die Rahmenbedingungen, unter denen sich ein Verlust ereignet, entscheiden, wie man ihn empfindet und \u2013 was viel wichtiger ist \u2013 welche Entscheidungen man von ihm ableitet.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem weiteren Experiment wurden zwei Gruppen gebeten, sich vorzustellen, dass sie auf der Fahrt zum Flughafen in einen Stau gerieten und ihren Flug daraufhin verpassten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eine Gruppe sollte sich vorstellen, ihn um mehr als 30 Minuten verpasst zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere Gruppe sollte sich vorstellen, ihn nur um 5 Minuten verpasst zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es zeigte sich, dass die zweite Gruppe wesentlich ver\u00e4rgerter war als die erste, obwohl das Ergebnis in beiden F\u00e4llen genau gleich war: Der Flug wurde verpasst.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem weiteren Experiment las ein Versuchsleiter einzelnen Personen mehrere Zahlen vor und bat sie dann, die n\u00e4chste Zahl dieser \u201eReihe\u201c zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Versuchspersonen versuchten nun in den Zahlen ein Muster zu erkennen, um die n\u00e4chste Zahl herleiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Wunsch las der Versuchsleiter auch weitere Zahlen vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch sagte er ihnen, dass die Versuchspersonen diesen Test mit einer besseren \u201eNote\u201c abschl\u00f6ssen, wenn sie m\u00f6glichst wenige Zahlen ben\u00f6tigten, bevor sie die (richtige) Antwort g\u00e4ben.<\/p>\n\n\n\n<p>Gaben sie die falsche Antwort, so bekamen sie ebenfalls weitere Zahlen vorgelesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Clou des Experiments war jedoch, dass die Zahlen absolut zuf\u00e4llig waren und keinerlei innere Ordnung hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch glaubten viele Versuchspersonen, die richtige Antwort zu kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei zeigte sich, dass je l\u00e4nger die Versuchspersonen an einer \u201eL\u00f6sung\u201c gearbeitet haben, sie umso fester von deren Korrektheit \u00fcberzeugt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst dann, wenn sie schwarz auf wei\u00df gezeigt bekamen, dass es sich um Zufallszahlen handelte, war es sehr schwer f\u00fcr sie, den m\u00fchsam erarbeiteten \u201eGlauben\u201c wieder abzulegen und die Wahrheit zu akzeptieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche gingen sogar so weit, dass sie den Versuchsleiter zu \u00fcberzeugen versuchten, dass dieser ihre geniale L\u00f6sung nur \u00fcbersehen hatte\u00a0\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Was die beiden Wissenschaftler Kahnemann und Tversky mit diesen Experimenten begr\u00fcndeten, ist die \u00bbNeue Erwartungstheorie\u00ab, f\u00fcr die Kahnemann dann auch den Nobelpreis erhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Erwartungstheorie ist seither eine der wesentlichen Grundlage von \u00d6konomie und Soziologie und wurde in einer Vielzahl von weiteren Experimenten best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie funktioniert so gut, dass man sogar mathematische Modelle aus ihr ableiten kann, die sich f\u00fcr die Vorhersage menschlichen Verhaltens eignen (und auch tats\u00e4chlich genutzt werden).<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Kernaussage dieser Theorie ist, dass wir Menschen st\u00e4rker motiviert sind, Verluste zu vermeiden, als Gewinne zu maximieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Vereinfacht ausgedr\u00fcckt ist \u201eaufgeben\u201c oder \u201eetwas verlieren\u201c f\u00fcr Menschen deutlich schwerer zu akzeptieren als einen entgangenen Gewinn, vor allem, wenn es sich um materiellen Verlust handelt. Ideeller Gewinn (als Konzepte wie Geld, Frieden, Gl\u00fcck oder Liebe) wiegt nicht so schwer wie der Verlust von materiellen G\u00fctern.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere wesentliche Aussage dieser Theorie ist, vereinfacht gesagt, dass wir jede unserer Entscheidung nur auf Basis von Hypothesen treffen. Wir tun also so, \u201eals ob\u201c und entscheiden dann. Und das selbst dann, wenn wir wissen (!), dass die Hypothese falsch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das steht im krassen Widerspruch zur Alltagserfahrung, in der wir davon ausgehen, dass Menschen, insbesondere \u201eProfis\u201c wie Wissenschaftler oder Richter, nur nach rational und Kosten\/Nutzen optimierenden Beweggr\u00fcnden handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem ist aber nicht so.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich handelt niemand so.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispielsweise untersucht ein Richter bei der Festlegung des Schuldma\u00dfes eines T\u00e4ters nicht erst die grunds\u00e4tzliche Frage, ob Menschen f\u00fcr ihr Handeln \u00fcberhaupt alleine verantwortlich gemacht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielmehr geht der Richter bei seiner Entscheidungsfindung so vor, _als ob_ der Mensch einen freien Willen h\u00e4tte und alleine f\u00fcr seine Handlungen verantwortlich sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Annahme ist aber unbewiesen. Schlimmer noch: sie ist sogar prinzipiell unbeweisbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber selbst, wenn der Richter dies wei\u00df und obwohl er eigentlich \u201eim Zweifel f\u00fcr den Angeklagten\u201c entscheiden w\u00fcrde und es demnach ganz offensichtlich \u201ebegr\u00fcndete Zweifel\u201c an der Schuldf\u00e4higkeit gibt, h\u00e4lt er an seinem Vorgehen fest und wird eine Entscheidung treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum ist das so?<\/p>\n\n\n\n<p>Weil Gesellschaft nicht anders funktionieren kann. Sie braucht \u201eaxiomatische Annahmen\u201c, einen Konsens. Jede bekannte Form des menschlichen Zusammenlebens geht beispielsweise davon aus, dass der Mensch einen freien Willen hat und daher zu Moral und Ethik verpflichtet ist. Auch unsere aufgekl\u00e4rte, die es l\u00e4ngst besser wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu noch ein Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<p>Schr\u00f6dinger (der mit der Katze) sagte: \u201ejedermanns Weltbild ist und bleibt eine rein geistige Konstruktion und hat dar\u00fcber hinaus keine eigene Existenz\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sagt also: Es gibt in keinem Kopf keines Menschen auf der Welt \u201edie Welt, wie sie ist\u201c oder \u201edie Wahrheit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer es nicht wei\u00df: Dieser Mann hat mathematisch bewiesen, dass es Erfahrungshorizonte gibt, die prinzipiell nicht \u00fcberschritten werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat bewiesen, dass es keine absolute Wahrheit gibt \u2013 auch nicht in der Physik.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das h\u00e4ngt nicht davon ab, wie sehr wir uns noch weiterentwickeln und zu welchen Erkenntnissen wir noch gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Beschr\u00e4nktheit ist eine fundamentale, unausweichliche und nicht \u201eauszutricksende\u201c Konstante des Kosmos.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wissen wir also. Und dennoch: wir alle haben also unsere eigene Vorstellung von der Realit\u00e4t \u2013 von den Dingen, \u201ewie sie sind\u201c \u2013 und leiten davon unsere Entscheidungen ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Und bei diesen Entscheidungen werden wir \u2013 wie eben gesehen \u2013 keineswegs von rationalen \u00dcberlegungen geleitet, sondern von unbewussten Prozessen, die irrational verzerrt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst wenn wir uns dessen bewusst sind (oder bewusst gemacht werden) ist es uns unm\u00f6glich, anders zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesellschaft bedeutet nun, dass viele dieser Vorstellungen von \u201eder Welt wie sie ist\u201c konvergieren und diese Schnittmenge, der \u201egesunde Menschenverstand\u201c den Kompass festlegt, an dem das eigene Weltbild zu messen ist. Das ist keine bewusste Entscheidung. Es ist auch keine Form der Demokratie, sondern einfach nur ein selbstorganisierter Prozess. Kommunikation (wie im Beispiel mit den Zufallszahlen) bringt uns ganz einfach dazu, in eine gewisse Richtung zu denken. Diese Denkprozesse werden fortgef\u00fchrt und verfestigen sich, bis ein Modell der \u201eWirklichkeit\u201c entsteht. An dem noch zu r\u00fctteln ist schwer \u2013 manchmal unm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst dann, wenn es eine Vielzahl von Beweisen f\u00fcr Fehlerhaftigkeit des Modells gibt. Und sogar dann, wenn uns bewusst ist, dass das Modell fehlerhaft ist, k\u00f6nnen wir uns nur unter gro\u00dfen Anstrengungen davon l\u00f6sen. Wenn aber kein vollst\u00e4ndiger Gegenentwurf existiert, sondern Zweifel und Unsicherheit, dann wird der Verlust der Sicherheit \u201eim falschen Modell\u201c viel schwerer wiegen als der m\u00f6gliche Gewinn einer neuen, eventuell vollst\u00e4ndigeren Weltsicht. In diesem Fall wird es doppelt schwer, den Menschen von seinen Vorstellungen abzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Psychotherapeuten werden das wohl leidvoll best\u00e4tigen\u00a0\u2026 \ud83d\ude09<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es dann noch viele Menschen sind, die derselben Vorstellung anh\u00e4ngen und einander ihrer best\u00e4tigen \u2013 na ja, Ihr k\u00f6nnt es Euch denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer jetzt aber glaubt, ihn\/sie betr\u00e4fe das nicht bzw., dass Wissen, Alter oder Erfahrung davor sch\u00fctzte:<\/p>\n\n\n\n<p>Es l\u00e4uft bei uns allen so. Es sind nicht einzelne, wenige, dumme oder einf\u00e4ltige Individuen, sondern tats\u00e4chlich ist es jeder Einzelne von uns. Auch Du.<\/p>\n\n\n\n<p>Und leider sind es gerade die besonders eifrigen, die sich intensiv mit einer \u201eWahrheit\u201c befassen, die sich am schlechtesten wieder von ihr l\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffe, Ihr konntet bis hierher folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich hoffe, Ihr konntet nachvollziehen, wieso eine \u201eWahrheit\u201c selbst dann nicht <strong>die<\/strong> Wahrheit ist, wenn eine Vielzahl von Menschen daran glaubt oder sie \u201edem gesunden Menschenverstand nach\u201c wahr sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz besonders hoffe ich, dass ihr erkennt, dass die Abw\u00e4gung, was Gewinn und Verlust sind, nicht \u201edem Gef\u00fchl nach\u201c getroffen werden darf, weil das Gef\u00fchl uns immer betr\u00fcgt und sogar gegen uns eingesetzt werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschliche Entscheidungen werden keineswegs von rationalen \u00dcberlegungen geleitet, sondern von unbewussten Prozessen, die irrational verzerrt sind.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-8","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ddww"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tiamatix.net\/kblog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tiamatix.net\/kblog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tiamatix.net\/kblog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tiamatix.net\/kblog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tiamatix.net\/kblog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/tiamatix.net\/kblog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9,"href":"https:\/\/tiamatix.net\/kblog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8\/revisions\/9"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tiamatix.net\/kblog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tiamatix.net\/kblog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tiamatix.net\/kblog\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}